Auf der internationalen Cloud Computing Konferenz des IT-Branchenverbandes BITCOM haben sich heute Anbieter von Cloud-Dienstleistungen, der passenden Hard- und Software sowie deren (potentielle) Kunden getroffen um über das derzeitige Nr.1 Hype-Thema im IT-Bereich zu diskutieren.
Dabei wurde schnell klar, das eigentlich jeder Marktteilnehmer seine eigene Definition von Cloud Computing pflegt und das das Thema noch ganz am Anfang steht, auch wenn Deutschland hier in Europa eine Vorreiterrolle einnimmt.
Aus externer Sicht lassen sich eigentlich vier unterschiedliche Sichtweisen identifizieren:
- Wird der Endkunde angesprochen (B2C)?
- Wird eine Firma angesprochen (B2B)?
- Soll ein Startup angesprochen werden?
- Verlagert ein Unternehmen, ggf. teilweise, seine Systeme in die Cloud?
Dabei wird sehr schnell klar, wo die derzeitigen Grenzen und Handlungsfelder beim Cloud-Computing zu finden sind: die Cloud ist jetzt schon mehr als konkurrenzfähig, wenn es um die Unterstützung von B2C-Prozessen oder den Support von Startup-Unternehmen geht, die keine IT-Altsysteme mit sich herumschleppen müssen. In allen anderen Fällen müssen entweder komplexe Geschäftsprozesse mit entsprechenden Datenmengen und –integrationsprozessen umgesetzt werden oder die potentiellen Kunden haben rechtliche Bedenken bzw. unterliegen entsprechenden Beschränkungen.
Die Sprecher und Panels waren hochkarätig besetzt und haben das Thema aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet. Moderiert wurde die Veranstaltung von dem kompetent auftretenden Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar, die Keynotes wurden gehalten von Telekom-Chef René Obermann und von dem Microsoft-CEO Steve Balmer. Heise.de hat darüber einen umfangreichen Artikel. Mehr über den Balmer-Besuch in Europa hat Microsoft auf seiner Social-Media Seite (allerdings kann man da derzeit nicht gezielt drauf verlinken; na gut, dann also die Pressemitteilung).
Für die Bildqualität kann ich mich nur entschuldigen, aber mehr war bei der kleinen Kamera und ohne Blitz einfach nicht drin.
René Obermann bekräftige, wie wichtig eine flächendeckend gut ausgebaute Infrastruktur für die Nutzung und Akzeptanz von Cloud-Services ist und das die Telekom dafür in der nächsten Zukunft 10 Mrd. Euro für den weiteren Ausbau ausgeben werden. Dabei nannte er ausdrücklich, neben dem kommenden Mobilfunkstandard LTE auch den Lückenschluß beim Breitbandausbau im ländlichen Bereich. Unter Verweis auf den, im internationalen Vergleich, hochwertigen Datenschutzstandard hierzulande prägte er den im weiteren Verlauf immer wieder zitierten Slogan ‚Cloud made in Germany‘. Dabei wies er darauf hin, dass sich aus diesem Grund auch ausländische Kunden für Cloud-Services der Telekom interessieren würden.
Steve Balmer hat dann auch in seiner launigen und frei gehaltenen Rede mehrfach darauf hingewiesen, dass Microsoft in dem Zwiespalt Privatsphäre versus Werbung und Marketing seine Lektion gelernt hätte. Er illustrierte das am Beispiel des ‚InPrivat‘-Modus des aktuellen IE8. Er ließ aber gleichzeitig keinen Zweifel, dass alles was nicht als privat gekennzeichnet ist in der Cloud auch aggregiert und verwendet werden könne. Scheinbar ist also der Lernprozess noch nicht ganz abgeschlossen. Künftigen Generationen von Rechenzentrums- und Hardwarearchitekturen prophezeit er erhebliche Anpassungen an die Anforderungen der Cloud.
Werner Vogels, als CTO von Amazon Architekt der Amazon Webservices AWS sprach davon, dass Amazon als ‚Infrastructure as a Service‘ Provider weltweit führend sei und bezeichnete Enterprise-IT Abteilungen als ‚Dinosaurier‘ – und die seien ja mittlerweile auch nicht mehr da. Diese nicht unumstrittene Ansicht untermauerte er mit Beispielen zu AWS-Kunden. So seien seine Kunden mittlerweile sehr häufig die Fachabteilungen in Unternehmen und damit die (Ex?)-Kunden der internen IT-Abteilungen. Für Deutschland wies er darauf hin, das 34 von 35 der in Berlin kürzlich gestarteten Startup-Unternehmen die Cloud-Services von Amazon nutzen würden.
Als weiteres Beispiel nannte der die Entwicklung eines Videoportals für das Onlineprotal der Bildzeitung bild.de. Nachdem die interne IT-Abteilung eine Projektlaufzeit von 6-9 Monaten prognostiziert hatte, wurde das Portal mit Hilfe der AWS-Dienste direkt durch die Fachabteilung innerhalb von 4 Wochen realisiert. Auch die SAP-Lösung SAP Carbon Impact würde in der Amazon Cloud laufen, verriet er abschließend.
Im anschließenden Panel 'Cloud Computing – Wie profitiert der Anwender?' mit Dr. Thomas Endres, dem CIO der Deutsche Lufthansa AG, Jürgen Gallmann, dem CEO der visionapp GmbH, Martin Jetter, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung IBM Deutschland GmbH, Stefanie Kemp, sie ist CIO der Vorwerk & Co. KG und Michael Eberhardt, Geschäftsführer der Hewlett-Packard GmbH wurden die unterschiedlichen Sichtweisen erneut deutlich. Wo bei Großunternehmen das Thema Cloud im Rahmen von Pilotprojekten (z. B. ‚Testing-as-a-Service) bereits angekommen ist, haben mittelständische Unternehmen noch große, auch rechtliche, Vorbehalte oder sagen - wie Stefanie Kemp ‚für uns gibt es derzeit noch nichts sinnvoll Nutzbares‘. Daneben wurde auch kontrovers darüber diskutiert, ob die ‚Cloud made in Germany‘ nun als Vor- oder als Nachteil zu verstehen sei. Ein Fazit war, das sich die Cloud nur für standardisierte Geschäftsprozesse eignet, Individuallösungen müssten nach wie vor In-House aufgesetzt werden. Ein anderes war, das Cloud Computing weder dem klassischen Hosting noch dem Outsourcing gleichzusetzen sind. Da die Themen allerdings verwandt seien, sind entsprechende Kenntnisse auch bei der Bearbeitung von Cloud-Themen nützlich.
Standardisierter Nachtisch. Diesmal nicht aus der Cloud sondern vom exzellenten Catering aus dem E-Werk.
Prof. Dr. Dirk Heckmann von der Uni Passau hat sich in seinem Vortrag ‚Cloud Computing zwischen Vertrauen und Verantwortung‘ mit den rechtlichen Aspekten des Cloud Computing auseinandergesetzt. Er kam dabei u. a. zu dem Schluss, dass Cloud Computing auf den ersten Blick rechtskonform kaum umsetzbar wäre, da das Thema u. a. zu neu für Rechtsnormen wäre. Ich bin kein Jurist und verkneife mir die Details, da ich nicht sicher bin ob ich sie richtig verstanden habe. Ich hoffe, das Prof. Heckmann den Vortrag auf seiner Uni-Webseite veröffentlicht.
Prof. Dr. Gustavo Alonso, CTO des Cloudverwaltungsoftwareherstellers Zimory GmbH, lieferte interessante Einblicke in die Cloud aus der Sicht eines Wettbewerbers, dessen Software die Lieferung und Verwaltung hausinterner, cloudartiger Produkte für Großunternehmen ermöglicht. Aus seiner Sicht ist diese ‚private Cloud‘ langfristig nicht wegzudenken, denn die ‚public Cloud‘ der etablierten Anbieter unterliegt vielen unkalkulierbaren Risiken. Er nannte beispielsweise das nicht kalkulierbare Risiko des staatlichen Zugriffs auf Daten in der Cloud, und zwar in jedem Staat durch das diese Daten transportiert werden. In dem Zusammenhang zeigte er dieses wunderbare Slide:
Ein weiteres Problem der ‚public Cloud‘ besteht aus seiner Sicht auch darin, dass die Bereitstellung vertrauenswürdiger Leitungen für die Endanwender nicht garantiert werden kann. Hier hätten allenfalls die Angebote der jeweiligen Telekommunikationsprovider eine Überlebenschance.
Stuart Hasking ist bei der Deutsche Bank AG als CTO Architecture & Engineering neben anderen Themen auch zuständig für die IT Architektur als Bank. In seinem Vortrag ging er auf die Herausforderungen ein, die das Cloud Thema für eine so verteilte und durch Altsysteme schwer handhabbare Infrastruktur darstellt. Derzeit würde die Virtualisierung in den Rechenzentren massiv vorangetrieben, das Thema Cloud Computing sei aber noch lange nicht durch. Er beschrieb auch seine Überraschung, als er bemerkte, dass die soziale Komponente, nämlich die Einbeziehung der Mitarbeiter in die neuen und veränderten Arbeitsprozesse weitaus schwieriger war als von ihm anfänglich erwartet. „The softest things are the hardest“.
Nicht nur aus seiner Sicht liegt der Königsweg für große Unternehmen in der Kombination traditioneller und moderner Techniken. Zu den etablierten Vorteilen einer RZ-Infrastruktur wie Vertrauen, Kontrolle, Sicherheit und Zuverlässigkeit müssen die Vorteile von Cloud Computing wie Dynamik, Skalierbarkeit, Flexibilität und spontaner Anpassbarkeit hinzuaddiert werden. Stuart Hasking schloss mit den Worten „Cloud Computing - It’s a journey“.
Die abschließende Panel-Diskussion zum Thema ‚ Cloud-Services: Was bietet der Markt heute – wo stehen wir 2015?‘ mit Michael Ganser, dem Vorsitzender der Geschäftsführung Cisco Deutschland GmbH, Dr. Ralph Jahnke, Outsourcing Leader (was auch immer der Mann da tut) DACH bei Accenture, Jürgen Kunz, dem Geschäftsführer der ORACLE Deutschland B.V. & Co. KG, Dr. Joseph Reger, CTO bei Fujitsu Technology Solutions GmbH und Dr. Alexander Zeier, dem Leiter des Forschungsbereichs Enterprise Platforms and Integration Concepts am Hasso-Plattner-Institut zeigte dann auch überdeutlich die unterschiedlichen Sichtweisen der einzelnen Marktteilnehmer. Für die einen ist Cloud Computing eine Chance für Wachstum und Umsatz, bei anderen wie z. B. den Hardwareherstellern geht augenscheinlich eher die Angst um, morgen keine Server mehr verkaufen zu können.
Wir werden uns mir den Chancen und Risiken von Cloud Computing und den Möglichkeiten der ‚private‘ bzw. ‚Public‘ Cloud in Zukunft intensiv auseinandersetzen müssen, denn mehr denn je sind meiner Meinung nach bei der Steuerung moderner IT Infrastrukturen Erfahrung und interdisziplinäres Denken gefragt. Oder, die Stephanie Kemp sagte: „Wir machen keine IT, wir managen sie“.
Für mich lautete die schönste Antwort auf die Frage wo wir 2015 stehen: ‚Vermutlich wissen wir dann mit dem Begriff Cloud Computing gar nichts mehr anzufangen‘.